Interessenskonflikte bei der Partnerfindung
Menschen (wie alle Lebewesen) machen Kosten-Nutzen-Analysen um ihre Ziele zu strukturieren. Verhaltensänderungen selbst sind deshalb oft ein Ergebnis von zielgerichteten mentalen Prozessen oder einer zielgerichteten Auswahl aus unterschiedlichen Strategien. Dementsprechend sind viele der direkten Ursachen für evolutionäre Änderungen gerade diejenigen Verhaltensänderungen, die die natürliche Selektion vorwegnehmen. Die Tatsache, dass der Mensch ein "Kulturwesen" ist, hat zu seinem Erfolg wesentlich beigetragen.
Die sexuelle Fortpflanzung ist ein Verhaltenssystem mit dem einfachen Effekt der Neukombination von Gen-Informationen, die wiederum die notwendige Variabilität schafft. Die Notwendigkeit zur Variabilität hat all die Nachteile und den Aufwand erzeugt, die mit zweigeschlechtlicher Fortpflanzung verbunden sind.
Sex ist in seiner biologischen Bedeutung nichts anderes als die Neukombination und Durchmischung von genetischen Informationen. Auf diese Weise lassen sich viele Organismen herstellen, die für Umweltinteraktionen leicht unterschiedliche Informationen benutzen. Eines der Individuen besitzt dann vielleicht die beste Information für gerade diese eine Problemlösung.
Sobald Sexualität eine Rolle für das Überleben spielt, drängt sich auch das Problem der Partnerwahl in den Vordergrund. Darwin ging davon aus, dass es neben der natürlichen Selektion, d.h. Selektion durch Umweltbedingungen, auch eine sexuelle Selektion geben müsste. Darunter versteht er die verschiedensten Anpassungen, die Individuen im Laufe des Wettbewerbs um Partner erfahren haben.
Darwin zeigte auch, dass es üblicherweise die Männchen sind, die Wettbewerb treiben, und die Weibchen, die Männchen auswählen. Männchen produzieren eine große Anzahl von Spermien und können so viele Weibchen in schneller Aufeinanderfolge befruchten. Deshalb ist zu erwarten, dass Männchen um Möglichkeit zur Befruchtung miteinander Wettbewerb treiben.
Weibchen andererseits produzieren im gleichen Zeitintervall weniger Gameten. Weibchen müssen deshalb in der Auswahl ihrer Partner vorsichtiger und wählerischer sein. Das Risiko eines Fehlinvestments ist für sie höher.
Unter diesen Gesichtspunkten ist der Fortpflanzungserfolg des Männchens nicht durch die Anzahl der vorhandenen Eizellen begrenzt, wie beim Weibchen, sondern nur durch ihre Fähigkeit, Weibchen anzulocken.
Aus dieser Asymmetrie entstehen zwei unterschiedliche Verhaltenstendenzen, die weitreichende Folgen haben können. Das weibliche Geschlecht stellt einen Engpass für die Fortpflanzung des männlichen Geschlechts dar. Wenn sich Männer in vielen Gesellschaften durchschnittlich häufiger fortpflanzen als Frauen, heißt dies, dass sich manche Männer gar nicht fortpflanzen können. Daraus lässt sich leicht folgern, dass die Männer deshalb in Wettbewerb um die Frauen geraten werden.
Sexuelle Selektion führt dazu, dass die andauernden Verlierer im sozialen Wettbewerb durch die Gewinner von der Reproduktion abgehalten werden. Die zweite Komponente der Selektion basiert auf Attraktivität. Wenn der spätere Verlierer sich im sozialen Wettbewerb an das andere Geschlecht annähert, kann er/sie unter Umständen weniger attraktiv für das andere Geschlecht sein und deshalb nicht für die Fortpflanzung ausgewählt werden.
Die sexuelle Selektion wird auch teilweise durch unterschiedliches Investment der Männer und der Frauen in ihren Nachwuchs angetrieben. Gemeint ist jenes Investment, das die Überlebenschancen des Nachwuchses erhöht. Beim Menschen und anderen Säugetieren ist jetzt das väterliche Investment geringer als das des Weibchens. Der Grund dafür liegt darin, dass die Befruchtung des Eies innerhalb der Frau geschieht. Eine Kopulation, die minimales männliches Investment erfordert, kann ein neunmonatiges Investment für die Frau verursachen. Dieser langandauernde Aufwand erfordert Zeit, Energie, Ressourcen. Hat die Frau ein solches Investment auf sich genommen, stehen ihr kaum Alternativen zur Verfügung. Investment beginnt natürlich nicht erst mit der Befruchtung, sondern auch der Werbeaufwand muss dazu gerechnet werden. Das Investment endet für die Frau auch nicht mit der Entwöhnung des Nachwuchses.
Der Mann dagegen hat weniger direkte Investitionen. Ein Mann kann kopulieren und verschwinden, in der Hoffnung, dass die Frau das Kind aufzieht. Das führt letztlich dazu, dass ein Mann (wie jedes männliche Säugetier) pro Zeiteinheit mehr Nachwuchs erzeugen kann als eine Frau. Die einzige Möglichkeit, die eine Frau hat, um ihre "Kosten" zu senken, ist die, den Mann zum Investment zu überreden.
Männchen müssen ihre Weibchen mit Nahrung versorgen, Territorien finden und verteidigen, das Weibchen gegen Angreifer schützen und eventuell sogar füttern. Ähnliches gilt für die Nachkommen, die auch gefüttert und beschützt sein wollen. Darüber hinaus müssen die Männchen Möglichkeiten zum Lernen für die Jungen schaffen. Sie können ihren Status auf die Jungen übertragen, ihre Macht oder ihre Ressourcen, und sie können ihrem Nachwuchs helfen, gegenseitige Allianzen zu bilden.
Diese Formen des männlichen Investments (wenn vorhanden) führen dazu, dass die Lücke zwischen dem männlichen und dem weiblichen Investment kleiner wird. Dasjenige Geschlecht, das mehr in seinen Nachwuchs investiert (typischerweise das Weibchen) in der Selektion darauf achtet, größere Ansprüche an seine Partner zu stellen. Dasjenige Geschlecht, das mehr investiert, muss einfach wählerischer sein, weil es größere Reproduktionskosten trägt.
Beim Menschen ist das Anfangsinvestment des Mannes klein, das der Frau hoch. Danach würde es der Frau freistehen, das Investment zu beenden - aber sie würde die neun Monate verlieren. Obwohl der Mann nun auch in den Nachwuchs investieren kann, muss er es nicht. Er kann versuchen, seinen Fortpflanzungserfolg zu erhöhen, indem er weitere Frauen befruchtet. Und er hofft, dass die Frauen, eventuell auch mit Hilfe von anderen, diesen Nachwuchs aufzieht. Das Ergebnis ist, dass in Gesellschaften, in denen es starken Selektionsdruck auf väterliche Fürsorge gab, bei den Männern gemischte Strategien auftauchen: bei der einen bleiben, dieser bei der Aufzucht helfen, und nebenher so viele Frauen wie möglich befruchten.
Aus diesen Überlegungen lassen sich die optimalen Partnercharakteristika vorhersagen. In Arten mit männlichem elterlichem Investment (so wie etwa beim Homo Sapiens) sollten Frauen männliche Partner suchen, die die Fähigkeit und die Bereitschaft zeigen, Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Diese Ressourcen sollten an elterliches Investment gebunden sein, wie Nahrung, Schutz und Verteidigung.
Für die Männer gibt es dabei noch ein Problem: Sobald sie nämlich tatsächlich investieren, müssen sie sich darüber sicher sein können, dass es auch ihr eigener Nachwuchs ist, den sie umsorgen. Im Gegensatz zur Frau könnten sie nämlich leicht in die Gene eines anderen investieren. Eine männliche Strategie um das zu vermeiden, ist ein ausgeprägtes Überwachungsverhalten zu entwickeln. Aber im Allgemeinen müssen für beide Geschlechter Möglichkeiten vorhanden sein, auszutesten, ob der andere, egal welchen Geschlechts, betrügen wird oder nicht.
Es gibt jedenfalls Geschlechtsunterschiede in der Wahrnehmung eines optimalen Partners, und deshalb gibt es auch geschlechtsspezifische Taktiken im Werbeverhalten. Das menschliche Werbeverhalten, das von asymmetrischem Investment geprägt ist, führt deshalb zu:
.) aktiver weiblicher Wahl
.) männlichem Wettbewerb und Mobilität
.) ausgeprägtem männlichem Werbeverhalten
.) Austesten der Investmentbereitschaft
.) Mechanismen, die eine feste Paarbindung garantieren
.) männlicher sexueller Eifersucht
Männer und Frauen haben also zwei unterschiedliche Überlebensstrategien, die sehr verschiedene Ziele verfolgen. Sie haben nur ein Problem gemeinsam, nämlich einen möglichst optimalen Partner zu finden.