Exkurs: Polygynie ("Polygamie")
Das Statuswahlprinzip der Frauen schafft aber eine ganze Reihe von Problemen, denn ein solches Wahlprinzip ("Frauen suchen Männer mit höherem Status bzw. Ressourcen") sollte Wettbewerb unter Frauen schaffen und eine ganze Reihe von Alternativstrategien notwendig machen.
Zur Erklärung dieser Strategien kann man das "Polygynie-Schwellenmodell" heranziehen, das eigentlich entwickelt wurde, um Verpaarungssysteme bei verschiedenen Vogelarten zu erklären. Das Modell geht davon aus, dass Männchen fast immer Polygynie ("Vielweiberei") vorziehen, weil mehr weibliche Partner zu haben auch mehr Nachkommen bedeutet. Warum aber ist dann Polygynie nicht universell? Die Antwort ist, dass Verheiratungssysteme aus der dynamischen Spannung zwischen weiblichen und männlichen Interessen entstehen. Polygynie kann nur entstehen, weil Weibchen Polygynie unter bestimmten ökonomischen Umständen bevorzugen. Wenn Männchen Ressourcen für die Aufzucht von Nachwuchs zur Verfügung stellen, dann sollten Weibchen jene Männchen bevorzugen, die die besten Ressourcen zur Verfügung stellen, weil sie auf diese Weise den höchsten Reproduktionserfolg erreichen.
Diese Einsicht führt zu klaren Vorhersagen über die Verteilung von Monogamie und Polygynie über die Arten. Wenn alle Männchen ähnliche Ressourcen anbieten, dann wird kein Männchen attraktiver als andere. Deshalb ist bei einer Gleichverteilung der Ressourcen die optimale weibliche Strategie, sich mit einem unverheirateten Männchen zusammenzutun und dadurch exklusiven Zugang zu seinen Ressourcen zu finden. Jedes Weibchen, das ein Männchen mit anderen Weibchen teilte, würde weniger Ressourcen bekommen und hätte damit einen geringeren reproduktiven Erfolg.
Ungleiche Ressourcenverteilungen bei Männchen führen damit zwangsläufig zur Polygynie. Denn in einem solchen System sind die reicheren Männchen die attraktiveren potentiellen Partner, weil ihre überlegenen Ressourcen in mehr Nachwuchs übersetzt werden können. Unter diesen Bedingungen sollte sich eine Frau mit dem reichsten Mann paaren. Die nächste partnersuchende Frau wird sich den zweitreichsten suchen usw. An irgendeinem Punkt ist die Polygynieschwelle erreicht: Dann wird es interessanter, sich einen Mann zu teilen, weil er trotz des Teilens noch mehr Ressourcen zu bieten hat als der ärmere unverheiratete Mann.
Das Ergebnis ist, dass die Frau das Beste aus ihrer Wahl macht. Man nennt das die ideale freie Polygynie. Unter idealen freien Polygyniebedingungen gibt es eine perfekte positive Korrelation zwischen dem Reichtum eines Mannes und die Anzahl seiner weiblichen Partner.
Ein Effekt der idealen freien "Vielweiberei" ist, dass sie die Attraktivitätsunterschiede in Bezug auf Ressourcen zwischen den Männern ausgleicht. Wenn (wie das Modell annimmt) ein Mann, der fünfmal reicher ist als der Durchschnitt, fünfmal so viele Frauen hat wie der Durchschnitt, und ein Mann, der viermal reicher ist wie der Durchschnitt, viermal so viele Frauen hat als der Durchschnitt usw., dann erreichen alle Frauen den gleichen Anteil an Ressourcen, unabhängig davon, wie viele oder wie wenige Nebenfrauen sie haben.
Der Vorteil, der durch die Wahl eines reichen Mannes entsteht, wird durch die Wahl anderer Frauen aufgehoben, und zwar in direkter Proportion zum Reichtum des Mannes. Deshalb wird innerhalb jeder lokalen Population der reproduktive Erfolg des Mannes sich mit der Anzahl seiner Frauen erhöhen, während die Frauen erwartungsgemäß ungefähr den gleichen Reproduktionserfolg haben. Dies ist unabhängig davon, ob sie monogam oder polygam verheiratet sind.
Wenn Männer im Wesentlichen die gleichen Ressourcen kontrollieren, dürften sich die Frauen auf alle Männer verteilen. Wenn Männer ungleiche Ressourcen kontrollieren, werden die Frauen sich auf die reichen Männer stürzen. In keinem der Fälle wird es signifikante Unterschiede zwischen den Frauen im Ressourcenteilen ergeben. Deshalb sollte es keine ressourcenbezogenen Unterschiede im weiblichen Reproduktionserfolg geben und keine ressourcenbezogenen Gründe, sich um bestimmte Männer zu streiten.
Es gibt aber in den menschlichen Gesellschaften genügend Ausnahmen zum Polygynieschwellenmodell, obwohl 83% aller Gesellschaften Polygynie gestatten. Die Erklärung für die Existenz solcher (wichtiger) Ausnahmen ist, dass es sich dabei um sozial aufgezwungene Monogamien handelt (wie in unserer Westlichen Globalen Mainstreamgesellschaft). Die Frage, weshalb sich solche kulturelle Anpassungen und Wertsysteme beim Menschen entwickelt haben, würde hier zu weit führen.